Christa Stewens – Von der Hausfrau zur Sozialministerin und Wegbereiterin der modernen Kinderbetreuung
Shownotes
Christa Stewens war viele Jahre eine prägende Persönlichkeit in der bayerischen Politik. Als CSU-Politikerin und ehemalige Staatsministerin für Arbeit, Soziales, Familie und Frauen sowie stellvertretende Ministerpräsidentin hat sie maßgeblich die moderne Kinderbetreuung in Bayern mitgestaltet. Sie ist Mutter von sechs Kindern und Großmutter von 24 Enkelkindern und verbindet Familie und Karriere auf beeindruckende Weise.
Im Podcast erzählt Christa Stewens von ihrem Weg in die Politik, angefangen als engagierte Elternbeirätin, und wie sie gegen festgefahrene Strukturen kämpfte, um bessere Rahmenbedingungen für Familien und Kinderbetreuung zu schaffen. Sie berichtet über die Einführung flexibler Betreuungszeiten, die Förderung von Waldkindergärten und ihre Erfahrungen mit gesellschaftlichen Vorurteilen gegenüber berufstätigen Frauen.
Zusammen mit Tobias Ranzinger spricht sie über die Bedeutung von Geradlinigkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen in der Politik und den Umgang mit aktuellen politischen Herausforderungen. Christa Stewens gibt persönliche Einblicke in ihre Lebensphilosophie und die Kraft, die sie aus ihrer großen Familie zieht.
Hört rein und lasst euch inspirieren von diesem offenen und persönlichen Gespräch mit Christa Stewens!
Themen der Folge: • Wie persönliches Engagement in der Elternarbeit den Einstieg in die Politik ebnete • Die Herausforderungen und Erfolge bei der Modernisierung der Kinderbetreuung in Bayern • Warum es wichtig ist, festgefahrene Strukturen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln • Erfahrungen mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf • Umgang mit politischem Streit, Medien und der Bedeutung von Vertrauen in der Demokratie
Zitate aus der Folge:
„Man muss sich ja ständig auch weiterentwickeln und festgefahrene Strukturen durchbrechen. Es gibt natürlich etliches Bewährtes, das man erhalten muss, gar keine Frage. Aber man muss schon immer wieder schauen, wie man Dinge weiterentwickeln kann, um den Menschen entsprechende Rahmenbedingungen zu bieten, in denen sie sich selbst weiterentwickeln können.“
„Eigentlich immer positiv in die Zukunft blicken. Keine Angst vor Neuem haben und auf die eigene Kraft vertrauen, dass man sein Leben selbst gestalten kann.“
„Friede in der Familie, sage ich euch, ist das Wichtigste. Aber Friede bedeutet nicht Gleichschaltung, sondern dass man in Ruhe diskutieren kann und die Haltung des anderen wertschätzt.“
„Politische Gestaltung ist heute ausgesprochen schwer, gerade vor dem Hintergrund der Berichterstattung in den sozialen Medien. Jede Auseinandersetzung wird als Streit geschildert, dabei brauchen wir den Wettbewerb um die besten Lösungen.“
Links • Website Christa Stewens
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Produktion „Bayern gemeinsam stark“ – Der Podcast mit Menschen, die uns inspirieren. Eine Produktion des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales.
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Transkript Podcast #BayernGemeinsamStark, Folge 18
Man muss sich ja ständig auch weiterentwickeln und man muss festgefahrene Strukturen durchbrechen. Es gibt natürlich etlich Bewährtes, das man erhalten muss, gar keine Frage. Aber man muss schon immer wieder schauen, wie man Dinge weiterentwickeln kann, um sozusagen dann den Menschen, die in Bayern jetzt in dem Fall leben, dann auch entsprechende Rahmenbedingungen zu bieten, in denen sie sich selbst weiterentwickeln können.
Bayern gemeinsam stark. Der Podcast mit Menschen, die uns inspirieren.
Und herzlich willkommen zu unserem Podcast Bayern gemeinsam Stark. Mein Name ist Tobias Ranzinger und hier treffen wir Menschen aus Bayern. Menschen, die Bayern ausmachen. Die Bayern bewegen. Menschen, die uns inspirieren. Und heute haben wir zu Gast Christa Stewens. Ich möchte Sie kurz vorstellen. Alle Stationen würden wahrscheinlich einen ganzen Podcast füllen. Die CSU Politikerin und Staatsministerin a.D. Christa Stewens wurde im August 1945 in Altötting geboren und nach dem Besuch des Maria Ward Realgymnasiums in Nymphenburg arbeitete Christa Stewens bis 1967 in einem Architekturbüro. Anschließend war sie als Hausfrau tätig. Christa Stewens ist 1972 in die Frauenunion eingetreten, 1973 in die CSU. Sie war die erste weibliche Kreisvorsitzende der Jungen Union in Bayern. Seit 1978 Mitglied im Kreistag des Landkreises Ebersberg. Sie war CSU-Fraktionsvorsitzende und unter anderem stellvertretende Bürgermeisterin in Poing. Das ist eine Gemeinde in der Nähe von München. Sie war viele Jahre als Gemeinde- und Bezirksrätin und Fraktionsvorsitzende im Kreistag aktiv. Sie war Staatssekretärin im Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen und von 2001 bis 2008 Staatsministerin im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Sie war die Frauenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung. 2007 bis 2008 war sie stellvertretende Ministerpräsidentin und war viele Jahre Mitglied des Bayerischen Landtags für den Stimmkreis Ebersberg. Herzlich willkommen, Christa Stewens.
Danke schön. Ich bin gerne gekommen. Das ist sozusagen meine alte Wirkungsstätte und ich habe mich damals hier im Sozialministerium sehr wohlgefühlt.
Das freut mich zu hören. Über die Zeit werden wir auch gerne sprechen. Fangen wir mal privat an, Christa Stewens, Sie sind Mutter von sechs Kindern und Großmutter von 24 Enkelkindern.
Sie sind seit 1965 mit Martin Stewens verheiratet. Haben Sie dieses Jahr Diamantenhochzeit?
Ja, wir haben die diamantene Hochzeit gefeiert. Das heißt, wir haben sie weniger gefeiert, weil ich in der Klinik lag und ein zweites neues Knie bekommen hab. Aber wir feiern nach.
Wenn man so Ihre Biografie, Ihre politische Laufbahn anschaut, privat, da kann man sehr leicht sagen: Erfolg im Beruf, Erfolg in der Liebe, seit 1965 verheiratet, Erfolg mit der Familie. Was ist denn ihr Erfolgsgeheimnis?
Eigentlich immer positiv in die Zukunft blicken. Also zu sehen, wo man tatsächlich steht. Keine Angst vor Neuem zu haben und positiv in die Zukunft blicken. Und sozusagen dann auch auf die eigene Kraft vertrauen, dass man sein Leben selbst auch unabhängig davon – dass es natürlich auch immer wieder Randbedingungen gibt, die einen sehr stark in seinem Leben beeinflussen - aber dass man durchaus auf die eigene Kraft vertraut und weiß, dass man auch ein Stück weit sein Leben selbst gestalten kann.
Jetzt sind wir schon fast im Gespräch. Wir haben zu Beginn bei unserem Podcast immer ein paar kurze Fragen bzw. mit der Bitte um kurze Antwort oder den Satz zu vervollständigen. Was bedeutet Ihnen Bayern?
Meine Heimat.
Unser Podcast heißt BayernGemeinsamStark. Bei uns geht es sehr viel um die Gemeinschaft. Wo erleben Sie den Zusammenhalt am stärksten?
In der Familie.
Und welche Stärke haben Sie - Sie haben es fast schon vorhin beantwortet - die man sich, die andere sich bei Ihnen abschauen können?
Keine Angst vor Neuem. Positiv in die Zukunft schauen.
Und was gibt Ihnen Stärke oder was gibt Ihnen Zuversicht, wenn Sie die vielleicht mal in dem Moment selber nicht haben?
Durchaus ein gewisses Gottvertrauen und natürlich die Geborgenheit in der Familie.
Sie wurden am 27. August 1945 in Altötting geboren. Sie haben sechs Kinder, 24 Enkelkinder, und mit 20 haben Sie ihr erstes Kind bekommen. Und das war so, wie ich es gelesen habe, damals ein kleiner Skandal.
Ja, das war durchaus nicht leicht. Ich bin ja bei den englischen Fräulein in Nymphenburg in die Schule gegangen, stand vor dem Abitur und wurde schwanger. Wobei ich aber sagen muss, dass die englischen Fräulein damals sehr nett zu mir waren und mir auch angeboten haben, das Abitur an der Schule noch zu machen nach der Geburt von Markus. Der Markus ist ja im Juli geboren geboren. Aber ich bin dann von der Schule gegangen. Mir war das irgendwie…es war schwierig. Mein Mann hat ja auch noch studiert. Und ich habe dann angefangen, Mathe Nachhilfe zu geben und auf Messen zu jobben, um Geld zu verdienen. Und es hat sich dann das eine und der andere gefügt. Dann habe ich natürlich auch relativ rasch ein zweites Kind bekommen. Wir wollten von Anfang an immer viele Kinder. Als wir geheiratet haben, haben wir ausgemacht, sechs Kinder ist unser Ziel.
Und vor diesem Hintergrund habe ich mich dann dazu entschieden, diese sozusagen dann auch als Familienfrau, als Mutter zu leben. Bin dann aber später in die Politik eingestiegen.
Kind oder Karriere war nie ein Thema für Sie.
Nein, das war kein Thema für mich.
Frau Stewens, Sie wurden Mutter. Sie waren verheiratet. Wie sind Sie überhaupt zur Politik gekommen?
Über die Schule. Als der Markus, unser ältester Sohn, in die Schule kam, da waren beim Markus in der ersten Klasse ungefähr 54 Kinder. Die hatten keinen eigenen Schulraums, eine Wechselklasse. Die mussten jede Stunde wechseln. Und da habe ich für den Elternbeirat kandidiert und habe versprochen im Elternbeirat, dass ich mich dafür einsetzen, dass eine neue Schule in Poing gebaut wird.
Und das habe ich dann auch geschafft. Und dann kam die CSU und hat gefragt, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren wolle. Und daraufhin habe ich dann zugesagt, dass ich für den Gemeinderat kandidiere.
Sie haben schon damals, und das hat man später bei vielen weiteren Entscheidungen, bei Schritten, die Sie eingeleitet haben, gemerkt, Sie haben schon damals gegen festgefahrene Strukturen gekämpft.
Ja, das war für mich immer wahnsinnig wichtig. Man muss sich ja ständig auch weiterentwickeln. Und man muss festgefahrene Strukturen durchbrechen. Es gibt natürlich etlich Bewährtes, das man erhalten muss, gar keine Frage. Aber man muss schon immer wieder schauen, wie man Dinge weiterentwickeln kann, um sozusagen dann den Menschen, die in Bayern jetzt in dem Fall leben, dann auch entsprechende Rahmenbedingungen zu bieten, in denen sie sich selbst weiterentwickeln können.
Wir sprechen jetzt über eine Zeit von vor 50 Jahren und damals waren sehr viele Menschen der Meinung, die Frau gehört in die Familie, die bleibt zu Hause. Und sie haben das dann aufgebrochen. Inwiefern hat sie da auch Ihre Kindheit vielleicht geprägt?
Meine Eltern waren geschieden und meine Mutter war immer erwerbstätig. Wir waren drei Mädchen und ich war das eigentlich gewohnt, mit einer erwerbstätigen Mutter aufzuwachsen.
Aber ich habe schon damals auch gefunden, dass wir stärker in die Kinderbetreuung einsteigen müssen. Meine erste Aktion war, dass ich einen Verein Kinderbetreuung auf dem Land gegründet hab, selbst noch die Plakate gemalt habe in Poing und sozusagen einen Kindergarten auf den Weg bringen wollte.
Das war vor etwa 50 Jahren. Aber man muss gar nicht so weit zurückgehen. Ich habe gelesen, als Sie 2001 bayerische Ministerin für Soziales, Familie und Frauen wurden, da war eigentlich immer noch so die vorherrschende Meinung: Die Frau bitte zu Hause an den Herd. Inwiefern stimmte das schon 2001 mit der Lebenswirklichkeit nicht mehr überein?
Wenn man sich die Lebenswirklichkeit damals angeschaut hat, gerade so in meiner näheren Umgebung, da waren sehr viele Frauen erwerbstätig. Allerdings meistens erst dann, wenn die Kinder in die Grundschule gekommen sind. Also die ersten sechs Jahre war es doch relativ häufig, dass man noch zu Hause geblieben ist für die Kinder. Aber es gab ja auch in der Form die Kinderbetreuung nicht. Es gab weder Krippen, noch gab es ausreichend Kindergartenplätze. Man hat da schon angefangen, die Kindergärten zu bauen, aber es gab keine ausreichenden Kindergartenplätze. Es war unter den Frauen schon so eine Diskussion: Wie steige ich denn in ein Erwerbsleben ein? Man muss sich überlegen auch damals waren die Frauen durchaus gut ausgebildet. Aber sie sind natürlich dann, wenn sie geheiratet haben und Kinder hatten, dann war man ja schon ein stückweit gezwungen, zu Hause zu bleiben. Deswegen gibt es ja immer wieder diese Brüche im Erwerbsleben von den Frauen.
Und Sie hatten dann, als Sie bayerische Sozialministerin waren, 2005 eine ziemlich klare Antwort darauf. Die nennt sich bei BayKiBiG, das ist das bayerische Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz. Und wenn ich jetzt mal ganz stark vereinfache, Frau Stewens, das Motto war: Je länger die Öffnungszeiten einer Kita, desto mehr Geld gibt es. Was hat Sie zu dieser Entscheidung gebracht?
Heute ist wieder die Pflege ein Riesenthema. Aber wenn Sie jetzt an die Krankenschwester denken, an die und auch die Altenpflegerinnen und -pfleger, dann wissen Sie natürlich, dass sie mit den normalen Öffnungs- und Schließzeiten einer Kinderbetreuungseinrichtung unmöglich zurechtkommen. Oder nehmen Sie die Kellnerin, da war eine Kellnerin bei mir, die gesagt hat: Wie soll ich denn meine Arbeitszeit mit den Betreuungszeiten, mit den normalen Betreuungszeiten in den Kindergärten, in den Kinderbetreuungseinrichtungen verbinden? Vor diesem Hintergrund war ich der festen Überzeugung: Wir müssen flexibilisieren. Denn ich bin auch nach wie vor der Überzeugung, eine Mutter oder auch ein Vater, die wissen, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind, gut betreut werden, gut weitergebildet werden, die können auch mehr Kraft in ihre berufliche Tätigkeit einbringen. Vor diesem Hintergrund habe ich schon immer gesehen, dass das ein staatliche Verpflichtung ist, da für eine gute Versorgung der Kinder zu sorgen. Und deswegen waren wir auch in Bayern die ersten, die zum Beispiel einen Bildungs- und Erziehungsplan in Kindergarten auf den Weg gebracht haben. Das ist dann ein Schlager deutschlandweit geworden. Aber ich fand schon, das darf nicht nur eine Betreuung sein, sondern die Kinder müssen sozusagen dann auch entsprechend gebildet werden.
Und man sieht, was sie bewegt haben, dass man heute, viele Jahre später, in vielen Bereichen das eigentlich für selbstverständlich nimmt, dass sich das eben manifestiert hat. Sie hatten aber damals weiß Gott nicht nur Freunde, nicht nur Leute, die applaudiert haben. Sie hatten ein paar Gegner. Wie haben Sie die überzeugt?
Ich hatte etliche Gegner. Zum einen bei den Bürgermeistern in der Kommunalpolitik. Also es war schon so, dass ich hin und wieder mal in die Gemeinderäte oder Stadträte gefahren bin und die überzeugt habe.
Sie sind wirklich hingefahren?
Ich bin hingefahren, ich bin in Gemeinderatssitzungen gegangen. Und habe mit den Gemeinderäten und mit den Bürgermeistern persönlich geredet und sozusagen versucht, in der Kommunalpolitik den Blick zu öffnen für die Situation der Familien, der jungen Familien, der jungen gut ausgebildeten Frauen. Und habe ihnen erklärt, dass es wirklich eine Notwendigkeit ist, da die entsprechenden Strukturen zu schaffen, damit sich Familien und in dem Fall natürlich auch die Frauen weiterentwickeln können, damit sie ihre Kompetenzen auch in die Erwerbstätigkeit einbringen können. Und trotzdem Kinder bekommen.
Und neben ihrem Konzept, neben den Inhalten: Dass sie hingefahren sind, das finde ich ganz stark. Ich bin fürs Bayerische Fernsehen sehr viel in Bayern unterwegs gewesen, und Sie erinnern mich an einen Bürgermeister, das war ein Landwirt in Niederbayern. Und der hat mir - weil ich noch abends nach dem Dreh bei ihm war - der hat mir erzählt, wenn er angerufen wird zuhaus - die Leute haben alle seine Privatnummer, um sich zu beschweren - dann unterbricht er die und sagt: Du, bist gerade zu Hause? Und dann sagt derjenige der sich beschwert, ja. Dann sagte der: Du wart, ich komme bei dir vorbei. Dann hockt er sich ins Auto, fährt zu ihm hin. Und der große Unterschied ist glaube ich, wenn man von Angesicht zu Angesicht miteinander spricht, wenn man vielleicht auch die Körpersprache liest, dann findet man viel eher eine Einigung, als wenn man das am Telefon oder Videokonferenz oder wie auch immer oder per Email macht.
Ja, auf jeden Fall. Gerade in den Gemeinderatssitzungen habe ich schon gemerkt, dass man da sozusagen die Phalanx aufbrechen konnte. Dass der eine oder andere gesagt hat: Mei, die hat ja eigentlich recht. Da müssen wir was machen. Und der Bürgermeister dann auch irgendwann mal nachgezogen hat. Sie haben es schon gemerkt. Und zwar völlig unterschiedlich, von welchen Parteien die Gemeinderäte oder Stadträte da waren. Dass der eine oder andere gesagt hat: Verdammt noch mal, da müssen wir nachdenken, da müssen wir mehr machen für die Kinderbetreuung. Und so habe ich das dann auch erreicht, sozusagen diese manchmal Sturköpfe ein Stück weit zu erweichen. Dass sie sagen: Na ja, sie hat ja eigentlich recht, da müssen wir schon was machen in der Gemeinde. Es ist wie mit der älteren Generation, da brauchen wir auch ganz flexible Lösungen in den Kommunen.
Ein großer Kritikpunkt war: Das hat eine Menge Geld gekostet.
Das ist richtig, das hat viel Geld gekostet. Nun hatte ich auch das Glück, dass der Stoiber auch Töchter hatte. Die ebenfalls gut ausgebildet waren, die auch natürlich dann heiraten wollten, Kinder kriegen wollten. Und der Edmund hat dann auch eingesehen, dass das wichtig ist. Und dann war die nächste Nuss, die ich zu knacken hatte, war natürlich unser Finanzminister, der Kurt Faltlhauser. Also es war ja dann so, der Städtetag und der Gemeindetag, die haben damals ja gewisse Anforderungen an mich gestellt, wie hoch die staatliche Förderung ist. Wir hatten uns eigentlich so darauf geeinigt: 40 % Freistaat, 40 % die Kommunen, 20 % Elternbeiträge. Das war damals so meine Faustregel. Und nachdem ich mit dem Gemeindetag und Städtetag handelseinig geworden bin, da hat dann der Kurt Faltlhauser auch nachgegeben, hat gesagt okay. Aber wir haben natürlich - das war ja keine Förderung, die jetzt auf zwei Haushaltsjahre festgeschrieben war, sondern das musste ja stetig weitergehen. Diese Zahlen mussten ja fortgeschrieben werden. Und diese Zusage habe ich damals auch vom Finanzminister erreicht, die Fortschreibung für die Zukunft. Das war ein harter Kampf. Aber auch er hat Töchter gehabt.
Und neben der Finanzierung: Sie haben ja auch Betriebskitas, private Kitas und Waldkindergärten einbezogen. Was haben da zu den Waldkindergärten Ihre Kollegen gesagt?
Bei den Waldkindergärten haben sie im Ministerrat gesagt „Jetzt spinnst aber ganz!“. Und im Landtag haben Sie auch gesagt: „Na also, alles, was recht ist.“ Nun muss ich sagen, ich habe selber einen Enkel gehabt. Meine Schwiegertochter hat keinen Kinderbetreuungsplatz bekommen. Da in der Nähe von Frankfurt wohnen die. Und der Thomas kam dann in einen Waldkindergarten und ich habe den mal eine Zeit lang, wie ich acht Tage da war, hingebracht und abgeholt: Und ich habe festgestellt, dass diese Kinder, die sind sehr resistent gegen Erkältungskrankheiten, weil sie immer draußen sind. Und dass da hoch engagierte Erzieherinnen arbeiten. Das muss man sich mal vorstellen. Im Winter. Winter wie sommers. Und was ich auch festgestellt habe, wenn ich mit dem Thomas im Wald spazieren gegangen bin, der kannte jeden kleinen Käfer, der kannte alle Bäume, Blätter usw. Die Moose konnte der unterscheiden, der hat eine Liebe zur Natur entwickelt. Das fand ich erstaunlich. Und dann habe ich gedacht: „Warum sind wir eigentlich so blöd, die Waldkindergärten nicht in die Förderung zu nehmen?“
Und was ich dann gemacht habe: Ich habe mich mit dem Gemeindetag zusammengesetzt und habe damals ihnen klar gemacht, dass sie keine Infrastruktur brauchen. Sie müssen keinen Kindergarten bauen, also sie entlasten sich ja finanziell. Und da waren die ersten Bürgermeister, die gesagt haben: Die hat doch wirklich recht. Und so habe ich dann über den Gemeinde- und Städtetag die Förderung erreicht, die dann auch mit mir beim Finanzminister waren. Und so haben wir dann die Förderung mit reingenommen. Es gab noch in der Landtagsfraktion eine heftige Diskussion, muss ich auch dazusagen, weil die galten halt als so alternativ, die Waldkindergärten. Aber ich persönlich war wirklich davon überzeugt, weil ich es auch selbst erlebt habe, wie da die Liebe zur Natur und sozusagen dann auch die Resilienz der Kinder gestärkt worden ist. Vor diesem Hintergrund habe ich es dann doch mit einem zähen Kampf erreicht.
Wir machen diesen Podcast BayernGemeinsamStark zu zweit. Meine Kollegin ist Lena Prieger und die hat sich viele Jahre auch in einem Waldkindergarten eingebracht. Und die hat auch erzählt: Diese kleinen Zwerge, die sind taff, die sind widerstandsfähig. Im Winter, da hat sie gefroren und die Kleinen haben draußen gespielt. Und was sie sagen mit der Infrastruktur: Die haben ein Bauwagen, wo sich aufwärmen können, wo sie sich umziehen können, was sie mehrmals am Tag machen müssen bei einem Sauwetter. Aber ansonsten ist es wirklich eine ganz, ganz tolle, prägende Phase für das weitere Leben.
Ja, also ich bin nach wie vor begeistert von den Waldkindergärten. Die haben mich dann natürlich immer eingeladen, aber das war auch sehr gut für mich, weil man diese Erfahrung muss man ja auch immer fortführen und man muss das auch vertiefen, wenn man solche Dinge mit Überzeugung vertreten soll.
Frau Stewens, Sie hatten dieses Jahr einen runden Geburtstag, den 80. und da gab es ein Fest, unter anderem im bayerischen Sozialministerium. Und die heutige Sozialministerin Ulrike Scharf, die nannte sie: Einen Fels für das soziale Bayern. Freundlich im Ton, klar in der Sache. Und es wurde ganz stark betont: Sie haben die Kinderbetreuung neu gedacht. Ulrike Scharf sagte: Familien sollen selbst entscheiden - Krippe, Kindergarten, Hort oder Zuhause?
Wie wichtig ist Ihnen diese Wahlfreiheit?
Die ist mir sehr wichtig, denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir von der Politik nicht das recht haben, Eltern, Lebensentwürfe vorzuschreiben. Das, finde ich, geht einfach zu weit. Wir haben die Möglichkeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich die Familien dann gut entwickeln können nach ihren jeweiligen Vorstellungen. Und ich kann nicht hergehen und mit erhobenem Zeigefinger sagen, Ihr müsst so oder so leben. Sondern ich will die Rahmenbedingungen schaffen, auf denen sich Familien mit ihren Kindern oder auch ohne Kinder frei entfalten können, je nach den persönlichen Vorstellungen. Das halte ich übrigens nicht nur in der Familienpolitik und in der Sozialpolitik, sondern in allen anderen Politikbereichen für sehr wichtig. Rahmenbedingungen müssen sein. Grundsätze müssen sein. Aber das ist sozusagen ein Plateau, auf dem sich dann die Familien frei entfalten können und wo dann auch Chancen entstehen, sein Leben auch wirklich so zu gestalten, wie man sich das vorstellt.
Und wenn ich grad an Chancen denke, wenn ich mir Ihre Biografie anschaue: 1994 sind Sie als Abgeordnete in den Bayerischen Landtag gezogen und haben Sie als Beruf Hausfrau angegeben. Was haben da die Politik-Profis dazu gesagt?
Also, ich habe ja damals ein Anruf bekommen, ob ich den Begriff Hausfrau nicht streichen könnte. Ich habe dann gesagt: Nein, streiche ich nicht, das bleibt. Ich war bislang Hausfrau. Ich habe gesagt, wir können da noch „und Mutter“ dazufügen. Aber ich möchte das nicht streichen. Ich bin keine Hochstaplerin. Ich hatte mal eine Zeit lang im Architekturbüro gearbeitet, als mein Mann noch studiert hat. Und deswegen wurde mir geraten, dass ich doch irgend so was angeben sollte. Da habe ich gesagt: Nee, nee. Die meiste Zeit war ich zu Hause, war ich Hausfrau in meinem bisherigen Leben und deswegen schreibe ich das auch rein. Und das ist dabei geblieben. Und ich bin der festen Überzeugung, man muss auch zeigen - wenn ich schon für die freie Wahl bin, also dass sich Familien selbst entfalten können - woher ich komme, das halte ich für wichtig. Woher meine Lebenserfahrung auch kommt.
Das war 1994. Wie ist denn Ihre Wahrnehmung in den Jahren danach oder auch heute: Männer und Frauen in der Politik - gibt es eine unterschiedliche Wahrnehmung, eine unterschiedliche Bewertung, gerade was vielleicht auch die Biografie angeht.
Ja, also ich kann mich eigentlich nicht beschweren. Der Sprung in den Landtag, das war das Schwierigste für mich. Da hatte ich damals auch einen Gegenkandidaten und das war mit Sicherheit ein schwieriges Jahr. Da bin ich zweimal durch alle Ortsverbände der CSU gezogen, in meinem Landkreis Ebersberg. Und das war durchaus ja ein Jahr, da war so diese Stimmung „Muss denn eine Frau mit sechs Kindern sich um ein Landtagsmandat bewerben. Die gehört ja eigentlich eher nach Hause.“
Und das war in Zeiten vor Social Media. Heute wäre das noch viel schwieriger. Ja, klar.
Und ich habe damals auch anonyme Anrufe nachts bekommen: Ich soll doch besser zu Hause bleiben und mich um meine Kinder kümmern und so was. Das war schon eine schwierige Zeit, muss ich sagen. Ich war da hin und wieder mal so weit, dass ich gesagt hab: Ne, jetzt lass ich´s einfach, muss ich mich da so durchkämpfen?
Aber da haben meine Söhne gesagt: Ja, Mama, wenn du jetzt aufhörst, dann bist du wirklich ein schlechtes Vorbild für uns. Dann lebst du sozusagen nicht das, was du uns immer gesagt hast. Also habe ich gesagt, dann muss ich halt durchhalten. Und das habe ich dann auch. Und ich bin dann nominiert worden. Aber das war so mit 53 %, hatte ich die Stimmenmehrheit im Landkreis Ebersberg bei den Delegierten.
Ich glaube, was heute das politische Klima verändert hat und was einen großen Einfluss hat, ist einfach Social Media. Nutzen Sie Social Media?
Also ich selber, ich bin drin. Ja, es ist schon immer interessant, was meine Enkel alle posten. Aber ich selber mache nichts mehr. Nein. Also ich schaue mir das an, ich bin auf Insta und auf Facebook usw., ich schaue mir das immer an, ich schaue immer was meine Enkel posten, was meine Kinder machen, aber selber mache ich gar nix mehr.
Sie haben eine schöne Homepage, die ist auch sehr aktuell. Wenn wir uns die heutige Zeit anschauen. Sie haben zum einen Social Media, Sie haben Medien, Zeitungen, Fernsehen, Hörfunk, die in einem unglaublichen Wettbewerb stehen, natürlich auch die ganzen Internetmedien. Das heißt, man spielt mit sogenannten Medienfaktoren. Also wenn ich Uneinigkeit, Streit betone, dann bekomme ich viel mehr Aufmerksamkeit, als wenn ich sage Friede, Freude, Eierkuchen, alle haben sich lieb, Harmonie, es funktioniert alles. Und dadurch habe ich den Eindruck, in meinem Umfeld gibt es viele Leute, die sagen, die Politiker, die kriegen nichts gebacken, ich vertrau denen nicht mehr. Wir sind nicht mal mehr reformfähig, weil wir aus allen Ecken immer wieder gesagt kriegen: Ja, die Politik streitet sich nur. Was sagen Sie solchen Menschen?
Ich sage Ihnen zum einen, dass politische Gestaltung heute ausgesprochen schwer ist. Gerade vor dem Hintergrund der Berichterstattung in den sozialen Medien. Und da wird jede Auseinandersetzung - und wir brauchen die Auseinandersetzung. Wir brauchen den Wettbewerb um die besten Lösungen. Jede Auseinandersetzung mit Argumenten auf der einen und auf der anderen Seite wird heutzutage als Streit geschildert. Und es gibt dann die unflätigsten Ausdrücke. Also, das ist für mich wirklich grauenhaft, sage ich oft. Ich kriege oft eine Gänsehaut, wenn ich das lese. Und wenn ich mit Freunden, mit Bekannten und innerhalb der Familie diskutiere, dann sage ich auch immer: Man darf die Dinge alle nicht so ernst nehmen. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass die Politik, ob das jetzt die Landes- oder die Bundespolitik ist, dass diese Menschen, die sich hier der Verantwortung stellen, dass die wirklich mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein versuchen, die Grundlagen für unser Leben, für die Wirtschaft, für Deutschland zu schaffen.
Und das ist heutzutage wirklich vor dem Hintergrund dieser öffentlichen Diskussion. Aber das ist auch die gedruckte Presse. Ich denk mir oft, wenn ich die Schlagzeilen lese, wenn man die Berichte liest, dann ist es meiner Ansicht nach relativ objektiv, wenn ich jetzt Merkur oder Süddeutsche nehme. Aber es wir leben ja in so einer Schlagzeilenzeit. Wenn ich nur die Schlagzeilen lese, dann kommt mehr das Negative rüber als die Objektivität dann in der Berichterstattung. Und dieses Negative, das habe ich dann auch überall in den sozialen Medien. Also da gibt es dann auch meiner Ansicht nach einen inneren Zusammenhang. Es ist schwieriger, wesentlich schwieriger geworden. In der Kommunalpolitik sehen wir ja, dass viele Bürgermeister sagen: Halt, danke, diesen schwierigen Auseinandersetzungen, die dann auch sozusagen vor dem Privathaus dann noch stattfinden, möchte ich mich nicht mehr stellen.
Und es gibt zum Beispiel in der Sozialpolitik ja auch Entscheidungen, die umstritten sind. Nehmen wir die Bürgergeld-Reform. Was sagen Sie zum Beispiel zur Bürgergeld Reform?
Meiner Ansicht nach ist sie unbedingt notwendig. Ich habe schon den Begriff Bürgergeld für falsch gehalten. Ich muss dazu sagen, wir hatten damals die Grundsicherung. Ich war ja damals für die CSU oder für Bayern damals in der Verhandlungskommission für die Grundsicherung. Und ich fand das, was wir damals mit der Grundsicherung auf den Weg gebracht haben, sehr gut. Das hätte man so lassen sollen. Da war natürlich auch das Fördern und Fordern sehr ausgeprägt mit enthalten. Deswegen hadere ich alleine schon mit dem Begriff Bürgergeld: Bürgergeld ist so eine Formulierung, das spricht überhaupt nicht mehr für die schwierige Lebenssituation, in der sich die Menschen befinden, wenn sie denn diese staatliche Hilfe beantragen. Das heißt, ich bin schon der Ansicht, dass man da zu locker mit dem Bürgergeld umgegangen ist. Außerdem war es natürlich falsch, dass man die ukrainischen Flüchtlinge alle mit aufgenommen hat in das Bürgergeld. Und man hat vor allen Dingen dann zwei Klassen Flüchtlinge geschaffen. Die einen, die in der Grundsicherung waren und die anderen, die bessere Leistungen bekommen haben. Das heißt, wir haben ein Klassensystem bei den Flüchtlingen in Deutschland geschaffen. Das habe ich immer für falsch gehalten.
Und es gibt ja auch viele Menschen, die bemängeln beim Bürgergeld: Gewisse Arbeit lohnt sich ja gar nicht mehr. Und bei Arbeit übersieht man vielleicht, dass Arbeit auch Teilhabe ist, dass es zum Selbstbewusstsein beiträgt, dass es viel mehr ist als Broterwerb.
Mit Sicherheit. Sie stehen ganz anders im Leben und sie sind - das ist das, was für uns immer so wichtig war - dass es letztendlich die Menschen auch selbst weiter formt in ihrer Selbstständigkeit, in ihrer eigenen Entwicklung. Und wenn man mit Arbeitslosen, die wir dann wieder vermittelt haben, in den Agenturen in Arbeit vermittelt haben, wenn man mit denen nach einem Jahr mal persönlich gesprochen hat, den Kontakt gesucht hat, dann haben die Menschen alle - ich habe keinen getroffen, der dann gesagt hat, er ist nicht dankbar dafür, dass er wieder in das Erwerbsleben integriert worden ist. Wir haben es den Menschen mittlerweile einfach zu leicht gemacht, dass sie Bürgergeld beantragen und schwarz arbeiten. Die Schwarzarbeit floriert ja wieder in Deutschland. Dieses System Bürgergeld und Schwarzarbeit, das hatten wir schon mal, bevor wir die Grundsicherung reformiert hatten. Da hatten wir auch dieses hohe Arbeitsaufkommen in der Schwarzarbeit. Das war ja damals auch mit der Grund für Laumann und mich, da massiv einzusteigen.
Der Laumann war damals für die CDU Verhandlungspartner und ich für die CSU. Es war ja die SPD-Regierung damals unter Schröder, die diese Reformen auf den Weg gebracht hat, die Agenda 2010. Dem Schröder war das viel wert, dass er die CDU und CSU mitgenommen hat.
Und vor diesem Hintergrund waren wir bei all diesen Verhandlungsschritten mit dabei, haben mit den Gewerkschaften geredet usw. Also, da ist viel gelaufen und war eine sehr hohe innere Abstimmung.
Die Agenda 2010, um das noch mal kurz ins Gedächtnis zu rufen, die war ein ganz großes Reformpaket, das in Deutschland unter dem SPD Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2003 angekündigt wurde und dann in den Folgejahren umgesetzt wurde. Das Ziel war, die Wirtschafts- und die Sozialsysteme in Deutschland zu modernisieren und eben an die Herausforderungen der Globalisierung und auch der alternden Gesellschaft anzupassen. Deutschland steckte damals, Anfang der 2000 Jahre, in der Phase hoher Arbeitslosigkeit, Schlusslicht im Wirtschaftswachstum der Europäischen Union. Sie haben die Agenda 2010 mitgestaltet. Sie waren da beteiligt. War das eigentliche in großer Unterschied, etwas auf Bundesebene zu bewegen im Vergleich zur Staatsebene, zu Bayern?
Eigentlich nicht, nein. Was mich damals immer gewundert hat, wie viel Handlungsfreiheit der Edmund Stoiber uns gegeben hat. Ich habe einmal in der Woche dann referiert in der Staatskanzlei mit Edmund, wir haben telefoniert. Ich habe ihm dann immer so die einzelnen Schritte gesagt, wie weit wir sind. Ich habe damals mit dem MD Schön natürlich auch immer wieder kurze Gespräche gehabt. Aber vom Grundsatz her ist das auf der Bundesebene ähnlich. Ich sage immer die Ebenen, das ist fast wurscht. Eigentlich sind überall Menschen, da sind auch die Probleme, egal ob es Kommunal-, Landes- oder Bundespolitik ist. Es müssen Probleme gelöst werden. Wir brauchen einen Fortschritt. Politik, muss sich bewegen, Strukturen müssen verändert werden. Und eigentlich vom Grundsatz her sind da überall Menschen, die sind genauso wie du und ich. Nette, sympathische und unsympathische, auf allen Ebenen. Die trifft man immer wieder. Und im Endeffekt muss man immer schauen, dass man eine Vertrauensbasis schafft. In den Verhandlungen, auch mit den Gewerkschaften. Ich habe auch immer geschaut, dass ich mich mit dem Kollegen Schesser, der damals hier in Bayern Gewerkschaftsboss war, Boss vom Deutschen Gewerkschaftsbund war und in Berlin ja auch, dass wir uns gut verstanden haben, dass wir einander vertraut haben, dass wir gewusst haben, keiner will den anderen sozusagen übers Ohr hauen.
Diese Basis ist wichtig. Auch wenn wir unterschiedliche Haltungen hatten und Lösungen hatten. Aber das wir dann eben geschaut haben, dass wir uns allmählich annähern. Auch bei den Arbeitgebern war es ganz wichtig, deren Bedürfnisse entsprechend aufzunehmen. Ich habe zum Beispiel auch sehr intensiv mit den Pflegekräften verhandelt. Da hatten wir übrigens sehr viele, die schwarz gearbeitet haben. Und gerade die Frauen haben gesagt, sie bräuchten eigentlich die Minijobs. Da haben wir ja die Mini-/Midijobs und so was wieder auf den Weg gebracht. Der Hintergrund waren damals die Forderungen aus der Pflege. Das war ganz interessant. Ob das jetzt die stationäre Pflege war oder die ambulante Pflege. Die waren der Ansicht, wir müssten da wirklich wesentlich mehr machen. Und dann natürlich der Handel. Aber ich habe da immer festgestellt, wenn man mit seiner Haltung und mit seinen Forderungen, mit seinen Grundlagen in die Diskussion gegangen ist, dass man auch immer wieder einen Weg gefunden hat. Da muss ich auch dazu sagen, war der Müntefering - damals war der Arbeitsminister - mit dem konnte man auch sehr gut verhandeln. Da hat sich das, was man einmal ausgemacht hat, daran hat sich sowohl die SPD wie auch wir von der CDU, CSU immer gehalten.
Und wir haben eigentlich nichts an die Presse gegeben während der Verhandlungen. Das war ein absolutes Tabu. Es ist nichts nach draußen gekommen. Und das ist das, was mich heutzutage immer wieder stört. Es gibt immer wieder Schwätzer, die denken, sie würden damit sozusagen öfters in der Presse stehen. Da gibt es ja ein „Ich gebe, du gibst“. Und damit schadet man den einzelnen Regierungen und dem Vertrauen in die politisch Verantwortlichen sehr stark.
Das ist ja ein bestimmter Stil. Wo haben Sie das gelernt? Ist es durch Ihre Rolle vielleicht als als Mutter oder aus der Kommunalpolitik? Woher konnten Sie das?
Also ich denke, das liegt schon auch in der eigenen Persönlichkeit und in der Erziehung
natürlich. Meine Mutter hat immer einen Spruch gehabt: „Friede in der Familie, sage ich euch, ist das Wichtigste.“ Meine Enkel haben - das ist jetzt ganz privat - als meine Mutter gestorben ist, einen Kranz gemacht mit einer Schleife „Friede in der Familie“. Friede in der Familie bedeutet aber auch nicht, dass wir alle gleichgeschaltet sind, gerade in so einer großen Familie. Da gibt es die unterschiedlichen Parteizugehörigkeiten usw.. Dass man immer in Ruhe diskutieren kann und die gegenseitigen Haltungen dann auch entsprechend wertschätzt. Da gehört auch immer eine Wertschätzung dazu. Das halte ich für wichtig. Nur dann kann ich mich annähern, wenn ich sozusagen auch die Haltung, die Grundlagen meines Gegenübers wertschätze.
In all den Verhandlungen, wenn ich mir das anschaue, wenn ich verstehe, warum vertreten die Gewerkschaften diese und jene Position? Warum vertrete ich jetzt eine andere Position? Warum vertreten die Wirtschaft, die Arbeitgeber diese Position usw. Wenn man das dann in aller Ruhe abgleichen kann und einen Weg sucht. Allen wird man es nie gerecht machen können, aber einen Weg suchen, der sozusagen dann auch die Interessen ausgleicht. Und das ist uns damals eigentlich ganz gut gelungen. Aber in der Öffentlichkeit ist natürlich sind die Hartz-Pakete sehr stark kritisiert worden.
Es war auch eine große Veränderung mit der Agenda 2010. Wir haben heute wieder viel Streit, viel Dissens, zum Teil auch fruchtbare Diskussionen. Brauchen wir eigentlich eine Agenda 2030 Ihrer Meinung nach?
Ich glaube schon, dass wir die brauchen. Es hat sich ja wieder vieles eingeschliffen. Man muss ja in der Politik sich ständig weiterbewegen. Die Welt verändert sich ja sehr rasch, und die Lebensweisen der Menschen verändern sich ja auch - gerade durch die sozialen Medien, durch all die Möglichkeiten, die wir mittlerweile haben. Wir haben sehr viele Probleme. Wenn ich alleine an unsere ganzen Umweltprobleme denke, die wir haben mit der Erderwärmung. Das heißt, ich muss ja ständig meine Politik sozusagen an diese sich verändernden Rahmenbedingungen anpassen.
Ich würde eine neue Agenda natürlich auch stärker noch mal an die Umweltbedingungen, Umweltbelastungen, die wir haben, stärker noch nachjustieren. Da denke ich, müssen wir schon noch dran arbeiten. Wir haben eine Verantwortung für die nachfolgenden Generationen und das halte ich für sehr wichtig.
Auch was das Geld angeht, das Schuldenmachen, wie wir mit unseren Mitteln grundsätzlich umgehen.
Ja, ich bin auch der festen Überzeugung, dass man noch mal über alle Strukturen gehen kann.
Da gibt es noch sicher viele, viele Bereiche, in denen man Einsparungen vornehmen kann. Abgesehen davon, dass wir in Deutschland wirklich unter einer wahnsinnigen Bürokratielast ersticken. Also, das denke ich schon. Da muss man ordentlich nacharbeiten, manches doch könnte einfacher sein.
Wenn wir von der Politik wieder zur Person Christa Stewens kommen. Am Anfang, als ich sie vorgestellt hatte, hatte ich im Prinzip wie eine Schlagzeile gesagt: Erfolg im Beruf, Erfolg in der Liebe, Erfolg mit der Familie. Sie haben wahnsinnig viel geleistet. Wo haben Sie eigentlich Ihren Ausgleich gefunden?
Ich bin viel gelaufen. Ich bin oft nachts, wenn ich nach Hause gekommen bin, habe ich mir meine Laufschuhe angezogen und bin zehn Kilometer durch den Ebersberger Forst gelaufen. Und da kommt man wieder zur Ruhe. Das hat mir immer viel geholfen. Für körperlichen und inneren Ausgleich. Man kommt auf Ideen, man kriegt den Kopf wieder frei. Das hat mir eigentlich viel geholfen. Hat sicherlich meinen Knien etwas geschadet, aber so um wieder zum inneren Ausgleich zu kommen, hat mir das Laufen eigentlich viel gebracht.
Sport und frische Luft. Und das dann noch in der Dunkelheit. Respekt. Zu Ihrem Geburtstag in diesem Jahr, zum 80. Geburtstag, hatten Sie viele Einladungen. Es gab viele Feierlichkeiten, unter anderem bei Ihrem CSU Kreisverband in Ebersberg. Das ist im Osten von München. Da waren viele Weggefährten aus Politik und Gesellschaft. Und da wurde immer wieder betont, ihre Geradlinigkeit, ihre Menschlichkeit und ihre Verlässlichkeit. Sind das so Leitplanken? Sind das Werte, die für Sie ganz wichtig sind - in der Politik und auch als Mensch?
Die sind für mich sehr wichtig, vor allen Dingen Geradlinigkeit und Verlässlichkeit. Das halte ich für sehr wichtig, für jeden Politiker, für jeden Menschen überhaupt. Aber ich denke, in der Politik, da gibt es ja oft Fallstricke. Aber ich denke, in der Politik ist es ganz wichtig, dass man da sich danach ausrichtet Was kann ich mit meinem Gewissen verantworten, was nicht? Und es gibt manchmal Dinge, wo ich denke, da sag ich lieber nix dazu.
Und es gibt manchmal Sachen, wo man sagt: Nee, da muss ich jetzt mal auf den Tisch hauen oder da muss ich kämpfen. In bestimmten Bereichen, wo man wirklich sagt: Jetzt, da muss ich jetzt wirklich kämpfen dafür. Zum Beispiel beim Europäischen Jahr mit Behinderung, weil wir dieses „Na und!“ hatten. Da sind in der Fraktion alle über mich hergefallen.
Und dann habe ich den Vorschlag gemacht: Ich treffe mich jetzt mit allen Behindertenbeauftragten in Bayern und stelle diese Aktion vor, auch mit dem Zeichen „Na und?!“ Das war ja sozusagen für diejenigen, die keine sichtbare Behinderung haben. Die sollten sich einfach, wenn sie einen Menschen mit Behinderung sehen „Na und!“ denken, der ist genauso wie du und ich. Nur bei mir sieht man die Behinderung, bei dem anderen sieht man die Behinderung nicht. Und dann haben alle Beauftragten in Bayern für diese Aktion mit dem Zeichen „Na und!“ gestimmt. Ein einziger war dagegen oder hat sich enthalten. Und dann habe ich das in der Fraktion wieder vorgestellt und dann hatte ich sozusagen die Kritik in der Fraktion bereinigt.
Aber so muss man halt immer wieder Wege suchen, nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern sozusagen Unterstützer suchen und dann Wege suchen, wo man möglichst überzeugen kann.
Und sie sind wieder rausgegangen und haben mit den Menschen gesprochen.
Ja klar, das ist wichtig. Nur dann wird auch ihre Politik verstanden.
Ich möchte noch bei Ihrem Geburtstag bleiben dieses Jahr. Sie hatten ja auch eine Einladung von Ulrike Scharf. Die hat ihr Lebenswerk betont, ihre persönliche Autorität. Und sie hat gesagt wortwörtlich: Dein Menschenverstand. Wie war es für Sie, wieder hier ins Sozialministerium zu kommen? Also ich habe mich eigentlich gefreut, wieder ins Sozialministerium zu kommen. Das ist schön, wenn man doch acht Jahre hier war und vieles mitgestalten konnte oder auf den Weg bringen konnte. Auch viele gute Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen hier hatte im Haus, so dass ich eigentlich immer sehr gerne ins Sozialministerium komme. Ich freue mich darüber, bin auch heute wieder gerne hergekommen. Ich finde es ausgesprochen schön. Das sind viele Erinnerungen damit verbunden, viele Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter, die ich sehr geschätzt habe, Und ich komme gerne.
Sie haben ja Ihrem Mann zum 80. versprochen, Sie würden aufhören.
Ja.
Halten Sie das Versprechen?
Nein.
Also, ich habe beim Roten Kreuz aufgehört. Und ich kandidiere auch nicht mehr im Kreistag. Auch in der Kommunalpolitik höre ich auf. Jetzt, nach 46 Jahren. Und ich schaue schon immer wieder, dass ich einiges abbauen u Aber ich bin Vorsitzende vom Nachbarschaftsbeirat Flughafen und da mache ich noch weiter. Aber das ist relativ viel Arbeit, muss ich dazu sagen.
Aber ansonsten schaue ich schon, dass ich vieles andere abbaue.
Christa Stewens, wir könnten noch lange, glaube ich, weiter reden. Es gibt noch eine Menge Themen. Unser Podcast Bayern Gemeinsam Stark, da geht es auch ein bisschen darum, die Welt eineb Tick besser zu machen. Welchen Tipp haben Sie für uns? Was kann jeder Einzelne tun, um die Welt, um Bayern vielleicht ein bisschen besser zu machen?
Versuchen, die anderen Menschen in ihrer Art und Weise zu leben, zu verstehen?
Und letztendlich auch ein Stück weit friedfertiger in dieser Welt zu sein.
Danke schön. Christa Stewens! Und ich habe von ihnen auch so schön mitgenommen: Familie hält fit, Familie hält jung. Und ich glaube, ihre 24 Enkel, die halten sie auch ganz gut auf Trab.
Die halten mich ganz gut auf Trab. Aber, das muss ich auch dazu sagen, dadurch, dass man sich viel mit denen in Gedankenaustausch bin, erfährt man ja auch doch sehr viel Neues, was sich so im Leben bewegt, was sich weiterentwickelt.
Ein Enkel von mir, der macht gerade bei der Bundeswehrhochschule, da promovierte er über autonomes Fahren. Ist seine Doktorarbeit bei der Bundeswehr. Und das finde ich hochinteressant. Das heißt, wir diskutieren immer. Ich persönlich habe zum Beispiel immer gedacht, da seien wir schon viel weiter bei dem autonomen Fahren. Aber wenn ich jetzt dann mir anschaue, wie weit wir tatsächlich sind - also wir sind da schon noch ein Stück weit entfernt von einem völligen autonomen Fahren. Und da werde ich immer wieder durch meine Enkel in deren Lebensrealitäten geführt. Das halte ich für wichtig.
Ich habe auf Ihrer Homepage auch so schön gelesen, das Zitat: Überall wo wirklich Leben ist, ist auch eine Spur von Glück. Das hat Anselm Grün mal gesagt, der Benediktinerpater.
Sein Buch liegt bei mir auf dem Nachtkästchen, da lese ich hin und wieder drin und deswegen habe ich mir den Spruch ausgesucht.
Christa Stewens heute bei uns zu Gast. Die Politikerin war nicht nur auf kommunaler Ebene prägend tätig. Sie war viele Jahre unter anderen in verschiedenen Funktionen Mitglied der bayerischen Staatsregierung, unter anderem die bayerische Sozialministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin in Bayern. Frau Stewens, das war eine große Freude, mit Ihnen zu reden. Haben Sie vielen Dank.
Danke schön. Hat mir auch viel Spaß gemacht.
Unser Podcast Bayern gemeinsam stark mit vielen Persönlichkeiten, die wir getroffen haben.
Unter anderem die Staatsministerin Ulrike Scharf, die Fußballer Giovane Elber, Thomas Hitzlsperger, Sarah Nuru, das deutsche Model und die Unternehmerin oder auch Anna Schaffelhuber, die ehemalige deutsche Mono-Skibobfahrerin. Also am besten, Sie abonnieren unseren Podcast, dann verpassen Sie nichts. Ich danke Ihnen ganz herzlich fürs Zuhören.
Bayern gemeinsam stark. Der Podcast mit Menschen, die uns inspirieren. Eine Produktion des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales.
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